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Leonie Heinle

Die gemeine Sprache – illustrierte Worte des Gegensinns

„Man denke sich, wenn man solch augenscheinlichen Unsinn zu denken vermag, dass das Wort ‚stark’ in der deutschen Sprache sowohl ‚stark’ als ‚schwach‘ bedeute; dass das Nomen ‚Licht’ in Berlin gebraucht werde, um sowohl ‚Licht’ als ‚Dunkelheit’ zu bezeichnen; dass ein Münchener Bürger das Bier ‚Bier’ nannte, während ein anderer dasselbe Wort anwendete, wenn er vom Wasser spräche …“ CARL ABEL

Diese Vorstellung, meinst du, ist vollkommen unsinnig. Denn woher sollte man auch wissen, von welchem dieser Gegensinne denn nun die Rede sei. Stelle man sich weiter vor, es gäbe nur Dinge von einer Größe auf der Erde. Äpfel wären nicht kleiner als der Baum, von dem sie gefallen, dieser wäre wiederum von gleichem Ausmaß wie alle Steine und Körner, ja sogar Mensch Tier wären von gleicher Statur. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre für diese Größe nie ein Wort erfunden worden. Denn wieso sollte es von Sinn sein, einen Zustand zu benennen, wenn es keinen zweiten gäbe, der sich von dem ersten unterscheidet? Wieso sollte man die Worte „stark“ oder „schwach“ verwenden, gäbe es nur starke Menschen? Wie könnte man Dunkelheit als solche erkennen, wäre da kein Licht? Betrachtet man diese Hypothesen, so kann man zu dem Schluss gelangen, dass der menschliche Geist stets den Gegenpol zu einem Zustand braucht, um diesen überhaupt als solchen zu erfassen. Folgt man Carl Abels Werk aus dem Jahre 1884, „Über den Gegensinn der Urworte“, findet sich in den widersinnigen Worten des antiken ägyptischen Wortschatzes der Ursprung unserer heutigen Sprachen. Im Anhang seines Buches findet sich eine Fülle altägyptischer Worte, die zwei völlig widersinnige Bedeutungen in sich vereinen. Mag sein, sagst du, dass es früher solche widersinnigen Worte gegeben hat, als es mit der Kultur der Bevölkerung noch nicht weit her war und die Menschen noch an ihre Götter glaubten. Nur hat dies für unsere heutige Zeit keinerlei Bewandtnis. Weit gefehlt. Auch heute findet sich eine Fülle von Wörtern in jeder Sprache, die sowohl eine bestimmte Sache beschreiben, gleichzeitig aber auch die Umkehrung derselben, auch Januswörter genannt. Ist dir schon einmal aufgefallen, dass das unscheinbare Wörtchen „Alle“ eine Gesamtheit von Personen oder Dingen beschreibt, zugleich aber auch für jene Situation genutzt wird, in der eine Gesamtheit von Dingen verschwunden, also „alle“ ist? Oder dass das Wort „Aufgabe“ sowohl für eine Herausforderung, als auch für eine Kapitulation, also das Aufgeben, gebraucht werden kann? Das Wörterbuch „Die gemeine Sprache“ illustriert diesen spannenden Aspekt der deutschen Sprache auf pointierte Art und Weise.

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Betreuende Professorin
Katharina Gschwendtner

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